Mit einer Kaffeetasse in der Hand und der Tür im Rücken stehen Sie an der bodentiefen Fensterfront Ihres Eckbüros und lassen den Blick über die Skyline schweifen. Ihre Stirn liegt in Falten, was sie immer tut, wenn Sie intensiv nachdenken. Sie drehen sich um, schauen mich an und versuchen dabei vergeblich, das Zucken in Ihren Augenwinkeln zu kontrollieren. Lässig lassen Sie sich in den Chefsessel aus Nubukleder fallen; in der Ferne ruft ein Kalb nach seiner Mutter. Sie öffnen die Mappe mit meinem Angebot und weisen mir mit einer auffordernden Handbewegung den Holzstuhl vor Ihrem Schreibtisch zu. Selbstbewusst platziere ich meine Visitenkarte direkt neben Ihrer Maus und nehme dankend Platz. Der Stuhl ist so niedrig, dass ich zu Ihnen aufschauen muss. Sie haben Heimrecht und lassen deshalb Ihren Gefühlen freien Lauf.
„Heilige Mutter Gottes, Herr Bukowski! Für diesen Seitenpreis könnte ich Tom Clancy engagieren!“
Sie lösen den Krawattenknoten, doch die Schweißperlen auf Ihrer Stirn werden dadurch nicht kleiner.
„Beachten Sie bitte, dass der Seitenpreis die Schreibkosten komplett abdeckt. Dazu kommt nur noch der Rechercheaufwand, der direkt darunter kalkuliert ist. Aber bis auf die üblichen Spesen war es das dann auch schon.“
Mit diesen Worten löse ich bei Ihnen Fluchtreflexe aus. Höchste Zeit für mich, mit meiner Argumentation zu beginnen.
„Übrigens: Wussten Sie schon, dass viele der großen Werke von Tom Clancy aus der Feder eines Ghostwriters stammen? Und weil Sie gerade von der Mutter Gottes sprechen: Auch die Bibel ist das Produkt von Ghostwritern. Moses hatte gar keine Zeit, seine fünf Bücher zu schreiben: Er war schließlich viel zu sehr damit beschäftigt, Geschichte zu schreiben.“
Ihre Anspannung verfliegt und tauscht mit Ihrer Neugier die Plätze. Ihr Blick verrät dennoch, dass Sie die Mutter der Porzellankiste persönlich kennen.
„Nein, das habe ich nicht gewusst. Stimmt das wirklich?“
„Vertrauen Sie meinen Worten – ich verdiene schließlich mein Geld damit. Vermutlich war Ihnen bisher auch nicht bekannt, dass John F. Kennedy den Pulitzerpreis 1957 für das Werk seines Ghostwriters im Empfang genommen hat. Experten schätzen, dass heute 60 % der Sachbücher auf den Bestsellerlisten von Ghostwritern geschrieben werden. Prominente und Businessgrößen wie Sie sind wie Moses: Sie haben gar nicht die Zeit, ein Buch zu schreiben. Denn wann sollte das auch geschehen? Morgens zwischen drei und sechs? Oder abends, wenn Ihnen nach einem 16-Stunden-Tag die Augen zufallen?“
„1:0 für Sie.“
Höre ich tatsächlich Anerkennung aus Ihren Worten? Ich bereite sicherheitshalber den zweiten Auswärtstreffer vor.
„Sie müssen bei der Bewertung meiner Preise den Faktor Zeit einbeziehen. Für Sie bedeutet der Begriff ,Win-win-Situation‘, dass Sie zweimal ,Win‘ verbuchen: Sie erhalten ein fantastisches Buch und können gleichzeitig die nicht selbst investierte Zeit dazu nutzen, Geld mit Ihrem Tagesgeschäft zu verdienen.“
Neugier und Skepsis liefern sich in Ihrem Kopf einen erbitterten Zweikampf. Die Skepsis liegt oben.
„Aber wenn ich das Buch selbst schreibe, ist es authentischer. Seien Sie ehrlich: Können Sie mit meinen Worten schreiben?“
Ich bedanke mich für die Vorlage.
„Ich höre, Sie haben sich eingehend informiert, denn dieses Scheinargument haben Sie von den Webseiten meiner Wettbewerber. Aber jetzt einmal Hand aufs Herz: Wie viele Leser – Ihre Mutter und Ihren Deutschlehrer nicht mitgezählt – werden in der Lage sein, anhand der Sprachmelodie, der Gedankenführung und des verwendeten Wortschatzes einzuschätzen, ob das Werk von Ihnen stammt?“
„Nun, äh …“
„Genau richtig. Die Leute wollen Ihre Geschichte lesen – niemand macht es beim Kauf des Buches zur Bedingung, dass sie in Ihren Worten verfasst wurde. Glauben Sie mir auch das: Ein Pageturner lebt nicht nur von der Story, sondern auch von der Sprache, in der er verfasst wurde. Erfolg haben am Ende nur die Bücher von Leuten, die etwas zu sagen haben – und deren Lektüre sich auch wirklich lohnt.“
Sie lachen laut auf und heben den Zeigefinger.
„Wissen Sie was? Das klingt ja alles schön und gut. Aber wenn Sie so schön und gut sind, wie Sie behaupten, frage ich mich, warum Sie nicht selbst einen Roman schreiben und diesen dann millionenfach verkaufen.“
„Sie werden es mir nicht glauben, aber ich bin lieber unsichtbar als berühmt – die große Bühne ist nicht meine Welt. Nicht jeder Songwriter möchte auch ans Mikrofon – und nicht jeder Redenschreiber gleich Präsident werden. Wer seine Stärken genau kennt, kennt auch seine Schwächen.“
Das Zucken in Ihren Augenwinkeln ist zurück.
„Ich würde Sie ja liebend gern beauftragen. Aber mein Gott, dieser Preis! Viele Ghostwriter haben hier schon Platz genommen. Und wissen Sie was? Alle anderen Ihrer Zunft sind deutlich günstiger!“
„Gezwungenermaßen. Das sollte Ihnen übrigens zu denken geben.“
Sie lassen nicht locker.
„Geben Sie mir eine Entscheidungshilfe, den letzten Kick zur Unterschrift: Haben Sie nicht noch so etwas wie eine Leseprobe? Eine kleine? Irgendeine?“
Ein Zettel wandert über den Tisch. Sekunden später fliegen Ihre Finger über die Tastatur. Das Leuchten in Ihren Augen verrät, dass Sie innerlich einen stummen Pfiff ausstoßen. Sie halten inne und schlucken, denn plötzlich fällt Ihnen auf, dass meine Visitenkarte perfekt mit dem Familienfoto auf Ihrem Schreibtisch harmoniert. Zufall? Sie starren mich an, lassen die Maus frei und greifen zum Telefonhörer.
„Sagen Sie, Herr Bukowski, wie trinken Sie eigentlich Ihren Kaffee?“